Hier finden sich ausgewählte Prosatexte und Essays, die Themen, Ton und Arbeitsweise meiner literarischen Projekte sichtbar machen.
Was unausgesprochen bleibt
- Texte
Sie saßen sich gegenüber, wie schon oft zuvor.
Zwischen ihnen lag etwas, das keinen Platz brauchte und dennoch Raum nahm – schwer genug, um jede Bewegung zu verhindern.
Er sagte, es sei alles in Ordnung. Sie nickte. Dieses Nicken kannte er. Es bedeutete nichts und alles zugleich.
Draußen fuhr ein Auto vorbei. Für einen Moment richteten sich beide nach außen, als gäbe es dort etwas zu hören, das ihnen fehlte. Dann kehrte die Stille zurück, dichter als zuvor.
Sie wusste, was er verschwieg. Nicht im Detail, nicht in Worten, sondern mit jener Gewissheit, die entsteht, wenn man lange genug nebeneinander lebt. Dinge lagern sich ab, auch ohne ausgesprochen zu werden.
Er hätte aufstehen können. Oder bleiben. Beides wäre eine Entscheidung gewesen. Stattdessen blieb er sitzen und sprach über Belangloses, über den Tag.
Sie hörte zu, ohne zuzuhören. In ihrem Schweigen lag kein Vorwurf, sondern eine Grenze. Würde er sie überschreiten, zerbräche etwas, das sie beide noch brauchten.
Als er ging, sagte sie nichts. Er drehte sich nicht um. Später würden beide behaupten, es sei ein normaler Abend gewesen.
Vielleicht war genau das die Entscheidung.
Der Geruch, der bleibt
- Texte
Der Geruch kam immer zuerst. Noch bevor er verstand, was geschah, war er da. Zitronenschalen, in der Sonne warm geworden, süß und scharf zugleich. Später würde er lernen, dass sich Gerüche nicht festhalten lassen. Sie kommen, wann sie wollen.
Bei den Großeltern roch das Haus nach Sauberkeit und alten Möbeln. Sicherheit hatte einen Geruch, dachte er damals. Etwas, das nicht fragte, sondern einfach da war. Niemand sprach über das, was fehlte. Die Erwachsenen nannten das Schutz.
Jahre später lernte er eine andere Form von Zugehörigkeit kennen. Sie hatte keinen Geruch, nur Regeln. Wer dazugehörte, stellte keine Fragen. Wer blieb, blieb ganz. Loyalität bedeutete, nicht zurückzusehen.
Er wusste, woher das kam. Und er wusste, wohin es führte. Dazwischen lag sein Leben. Die tägliche Entscheidung, nichts zu verändern.
Manchmal, ohne Vorwarnung, war der Geruch wieder da. Dann wusste er, dass Herkunft nicht vergeht. Sie wartet. Und sie fordert eine Antwort, auch wenn man sie nie laut ausspricht.
Schreiben und Geduld – Nicht jede Geschichte will schnell fertig werden. Manche wollen zuerst ernst genommen werden
- Werkstatt
Ich schreibe nicht, um Stoffe zu produzieren, sondern um herauszufinden, was in ihnen trägt. Dafür braucht es Zeit. Nicht als Methode, sondern als Konsequenz. Figuren melden sich nicht auf Zuruf. Szenen klären sich oft erst, wenn man aufhört, sie zu drängen.
Geduld heißt für mich nicht Warten, sondern Aushalten. Unschärfe, Wiederholung, Zweifel. Ich lasse Texte liegen, kehre zurück, streiche mehr, als ich behalte. Nicht aus Vorsicht, sondern aus Respekt vor dem, was der Text werden kann.
Wenn eine Geschichte bleibt, obwohl man sie nicht beschleunigt, ist das kein Zufall. Dann lohnt es sich, weiterzugehen.
Warum meine Figuren selten sagen, was sie wollen
- Werkstatt
Figuren, die aussprechen, was sie wollen, lassen sich leicht führen. Sie erklären sich selbst, treffen Entscheidungen sichtbar und machen Konflikte einfacher. Genau deshalb interessieren sie mich weniger.
In meinen Texten entstehen Konflikte dort, wo Wünsche nicht offen formuliert werden können. Nicht aus Unfähigkeit, sondern aus Bindung. Loyalität, Herkunft und Abhängigkeit setzen Grenzen dafür, was gesagt werden kann, ohne Folgen zu haben.
Wenn eine Figur schweigt, tut sie das nicht, um geheimnisvoll zu wirken, sondern um etwas zu schützen: ein Verhältnis, ein Selbstbild oder eine fragile Ordnung. Dieses Schweigen ist aktiv. Es lenkt das Geschehen stärker als jede offene Aussage.
Dialoge schreibe ich nicht, um Informationen zu vermitteln, sondern um Spannungen sichtbar zu machen. Was gesagt wird, ist oft nebensächlich. Entscheidend ist, was nicht gesagt werden kann, ohne alles zu verändern.
Mich interessiert nicht der Moment der Beichte, sondern der Zustand davor. Dort, wo Figuren wissen, was auf dem Spiel steht und trotzdem bleiben. Diese Zurückhaltung ist kein Mangel an Handlung, sondern ihre eigentliche Form.
Loyalität ist kein Gefühl, sondern ein Zwang
- Essay
Loyalität wird gern als Tugend beschrieben. Als freiwillige Bindung, als Ausdruck von Nähe oder moralischer Haltung. In literarischen Zusammenhängen zeigt sie sich jedoch oft anders: als Zwang, dem man sich nicht entzieht, ohne einen Preis zu zahlen.
Loyalität entsteht selten aus Überzeugung allein. Sie wächst aus Herkunft, Abhängigkeit und gemeinsam verbrachter Zeit. Wer loyal ist, entscheidet nicht frei, sondern innerhalb eines engen Rahmens. Gerade das macht Loyalität so wirksam.
In meinen Texten ist Loyalität kein Trost, sondern eine Belastung. Sie hält Figuren in Situationen, die sie innerlich längst verlassen haben. Sie verhindert klare Entscheidungen und ersetzt sie durch Aufschub, Schweigen oder scheinbare Zustimmung.
Das Entscheidende ist nicht der Bruch, sondern sein Ausbleiben. Figuren bleiben loyal, obwohl sie wissen, dass es ihnen schadet. Nicht aus Schwäche, sondern weil Loyalität eine Ordnung stabilisiert, die sie noch nicht aufgeben können.
Literarisch interessant wird Loyalität dort, wo sie nicht gefeiert, sondern ausgehalten wird. Als stiller Zwang, der Handlungen verzögert und Konflikte nach innen verlagert. Dort entstehen die Spannungen, die meine Texte tragen.